Schichtwechsel
Ich hole die letzte Zigarette aus meiner Schachtel und zünde sie an. Genüsslich ziehe ich daran, während um mich ein geschäftiges Treiben den Weg zur U-Bahn belebt. Die
Frau vom Blumenladen stellt bunte Gedecke raus. Am Zeitungsladen bestelle ich neue Zigaretten. Die Verkäuferin sucht verzweifelt nach meiner Marke. Fünfte Reihe, dritte von Links. Ich sage es ihr
nicht, sage gar nichts, lasse stattdessen meinen Blick über die ausgelegten Zeitungen schweifen. „6 tote GI`s im Irak“ Ich wische mit der Hand über mein Gesicht. Ein Stückchen Schlafsand fällt auf
den Bundespräsidenten. Dazu eine Schlagzeile.
„Bundespräsident stoppt Gesetz der Regierung und verhindert Verkauf des Tafelsilbers“
Ist dieses Land etwa doch noch zu retten?
„Macht 4 Euro bitte“
Dieses Land ist nicht mehr zu retten. Ich zahle das Geld für die Zigaretten, inkl. der jüngsten Preiserhöhung, und gehe zur U-Bahn. Zweiter Wagen. Stehplatz. Neben mir 2 ältere Herren.
„Und sonst so Gustav?“
„Jaa… ich plane gerade meinen Urlaub.“
„Joaa… wer nicht plant ist blöd.“
Ruhe.
Ich steige aus dem Abteil und gehe Richtung Firma. Schon von weitem kann man das Firmenschild erkennen. Meine Müdigkeit wird durch leichte Depressionen abgelöst, die erst in circa 8 Stunden spontan
geheilt werden. Im Fahrstuhl betätige ich den Knopf für den 8. Stock. Auf dem silberglänzenden Firmenschild ist ein frisches Hakenkreuz eingeritzt. Betriebsbedingte Kündigung. Ich drücke einen
Mitesser aus und denke über eine Kamera hinter dem Fahrstuhlspiegel nach. Würde ein gutes Nachtprogramm bei VOX abgeben. Auf dem Weg ins Büro schaue ich in der Kaffeeküche vorbei. Am schwarzen Brett
hängt ein unscheinbarer Zettel und die 10-Liter-Thermoskanne steht auf einem Stück Küchenrolle. Ein brauner Fleck ziert das weiße Papiertuch und ich muss fünfmal den Druckkopf betätigen bis die Tasse
endlich voll ist. Beim letzten Versuch zieht die Kanne Nebenluft.
-Der Letzte setzt neuen Kaffee an-
Faire Regelung. Ich habe keine Ahnung wie die Maschine funktioniert und gehe in mein Büro. Ich drücke einen Knopf und der Computer startet. Mit ihm auch das automatische Zeiterfassungssystem. Während
sich das Virenprogramm automatisch aktualisiert schaue ich mir Nachrichten im Internet an. „6 tote GI`s im Irak“ Ich suche meinen Kugelschreiber. „Kanzlerin pfeift Wirtschaftsminister zurück“ Ich
trinke einen Schluck Kaffee. Der Minister wollte dafür sorgen, dass die Energieriesen kartellrechtlich besser belangt werden können. Der Kaffee schmeckt scheiße. Millionen von Bürgern werden täglich
von den Energiekonzernen verarscht und die blöde Kuh faselt was von „freie Märkte“. Zwei Stück Zucker sind zu wenig. Aber wahrscheinlich hat sie auch keine Probleme mit den monatlichen Abschlägen.
Ich glaube nicht, dass die Kanzlerin sich Sorgen um die Nachzahlung machen muss. Es interessiert sie einfach nicht. Das ist wie mit den Laubbläsern. Sonntags um 10 Uhr hasse ich sie. Mittwochs um 16
Uhr interessieren sie mich nicht. Drei Stück Zucker sind zuviel. Ich beschließe eine terroristische Vereinigung zu gründen. Mit sofortiger Wirkung.
Ich gehe ins Raucherzimmer und bekämpfe mich selbst. Im Radio läuft „Paint it black“ und ich weihe einen Kollegen in meine Pläne ein. Wir suchen nach einem geeigneten Namen. Nach der zweiten
Zigarette einigen wir uns auf „Goldener Herbst“. Ich gehe zurück in mein Büro. Der Kaffee ist kalt. Ich kippe den Rest in den Topf des Benjamin-Baums. Im Tassenboden ist eine glitschige, 7 Millimeter
hohe Zuckerschicht. Ich werde mir Waffen besorgen. Aber nicht heute. Ich muss nachher noch bei einem Freund vorbei. Wir wollen meine Unterlagen für eine Bewerbung scannen.
Aber Morgen habe ich bestimmt Zeit.
Jörg Schwedler
