Mein Land und ich und die Neuverschuldung

Mein Land und ich, wir sind uns ziemlich ähnlich. Beide haben wir etwas zu viel auf den Rippen, beide können wir nicht mit Geld umgehen und beide müssten wir mal wieder unser Zimmer aufräumen. Meinem Land und mir ist es völlig egal wie viel Geld wir monatlich zur Verfügung haben, wir geben es aus. Egal wie hoch die Summe ist, am Monatsende ist das Geld alle. Nur im Umgang mit dieser Situation gibt es kleine Unterschiede.

Neulich zum Beispiel, kurz vor Monatsende, hatten wir beide mal richtig einen drauf gemacht. Es war Samstag, wir hatten unser letztes Geld vom Konto geholt und dann richtig die Puppen tanzen lassen. Erst ordentlich gegessen und dann durch die Clubs gezogen. Der Alkohol floss reichlich und wir tanzten auf den Tischen. Mein Land versuchte dann noch eine Frau abzuschleppen, aber dieser Versuch scheiterte kläglich. Irgendwann torkelten wir sturzbetrunken nach Hause. Allerdings bekam ihm der plötzliche Sauerstoffüberschuss nicht gut. Mein Land geriet ins straucheln und legte sich voll auf die Fresse. Es sah nicht gut aus wie es da lag. Am Sylt hatte es eine kleine Platzwunde und zu allem Überfluss hatte es sich auch noch das Saarland verstaucht. Ich zog mein Land hoch, packte es unter den neuen Bundesländern und gegenseitig schleppten wir uns dann zu mir nach Hause. Dort angekommen passierte ihn ein kleines Malheurchen. Mein Land hatte sich sein Hessen verstimmt und musste sich übergeben. Irgendwas muss der Koch verkehrt gemacht haben. War eine ziemliche Sauerei. Aber das habt ihr nicht von mir… Ich klebte noch einen Pflaster aufs Sylt, rückte den Harz zurecht und packte es dann auf die Couch. Mein Land schlief wie ein Murmeltier.

Gegen Mittag stand ich dann auf. Zur Bekämpfung des Katers trank ich erstmal 0,7 Liter Mineralwasser inklusive 307 mg Hydrogenkarbonat auf ex. Mein Land stand schon in der Küche. Es sah schlecht aus. Da half auch der Liter Cafe nichts. Dann der Kontrollblick in die Geldbörse. Die letzte Nacht hatte fast nur verbrannte Erde hinterlassen. Fast. Die Konten waren zwar leer aber im Kleingeldfach war wie abgezählt noch das Sonntags-Überlebens-Budget. Es grenzte an ein Wunder. Mein Land und ich, wir hatten nicht nur beide Kopfschmerzen, sondern auch jeweils noch die Notration von 6,50 Euro in der Tasche. 6,50 Euro. Der Tag war gerettet. Also machten wir uns auf den Weg zu Murat`s Dönerimperium.

Dort gab es alles was der geschundene Körper so braucht. Eine erlesene Auswahl von Köstlichkeiten für den täglichen Bedarf und halt auch das 6,50-Euro-Sonntags-Wellness-Paket:

-Schachtel Kippen und nen Döner-

Mehr braucht ein Mensch nicht. Ein Land auch nicht. Im Gedanken schon die Zähne in den Döner schlagend, folgte dann der Schock. Murat hatte die Preise erhöht. Statt der üblichen 2,50 Euro wurden nun 3,00 Euro fällig. Die Dönerbude meines Vertrauens hatte die Preise erhöht. Ohne Vorwarnung. Die Enttäuschung war groß. Viel größer als an dem Tag, als Murat`s Dönerimperium 3 Wochen wegen Betriebsurlaub geschlossen hatte. Auch ohne Vorwarnung. Dabei war ich doch jeden Tag dort, gehörte irgendwie zum Inventar, quasi… zur Familie. Und nun auch noch die Preise. Ich konnte die Tränen kaum unterdrücken und zog mir erstmal Zigaretten.

Mein Land schien das alles nicht zu interessieren. Während ich im Gedanken mein 6,50-Euro-Sonntags-Wellness-Paket modifizierte, zückte mein Land sein Handy aus dem Rheinland und telefonierte kurz. 2 Minuten später stand ein smart gekleideter Mann von der Deutschen Bank vor der Tür. Während ich mir einen sehr trockenen Börek genehmigte und noch 50 Cent sparte, ließ sich mein Land die fehlenden 50 Cent einfach von dem smarten Herren geben. Dazu noch 2 Euro für Pommes und als der smarte Mann gerade gehen wollte, rief mein Land ihn zurück und ließ sich noch einen Euro für eine Cola geben. Schließlich war ja Sonntag. Der smarte Mann hatte nichts dagegen. Mein Land hatte auch kein Problem damit. Beide kannten es nicht anders. Beide waren es so gewohnt. Denn mein Land hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt schon das Geld für 509.789.306.378 Drei-Euro-Döner geliehen. Aber diese Zahl ist nicht mehr ganz aktuell, da zur Zeit in jeder Sekunde etwa 704 Döner dazukommen.

Meinem Land und mir ist es völlig egal wie viel Geld wir monatlich zur Verfügung haben… wir geben es aus.

 

Jörg Schwedler