Die Badewannendiät
Ich wünsche mir, dass sie diesen Text als Warnung sehen, dass sie meine Erfahrungen verstehen, verarbeiten, vielleicht auch daraus lernen und dadurch selbst ein besseres
Verständnis für ihren Körper und ihre Umwelt entwickeln.
Schwitzen. Immer wieder wird dieses Wort in Verbindung mit 'Abnehmen' gebracht. Und immer wieder hört man in diesem Zusammenhang auch das Wort 'Sport'. Nun beschränkte sich leider zu dieser Zeit
meine tägliche Körperertüchtigung nur auf das beste Ergebnis der menschlichen Evolution, auf den Mercedes unter den Körperhaltungen. Auf das Sitzen.
Meine Aufgabe war es nun also 'Sitzen' und 'Schwitzen' unter ein Dach zu bringen. So wie mir damals... wird ihnen natürlich sofort die Sauna einfallen. Eine einfache und auch einleuchtende
Idee.
Nun gehört allerdings der Döner zu meinen Lieblingsgerichten und na ja... sagen wir mal ich bin in der öffentlichen Sauna kein soooo gern gesehener Gast. Was ich brauchte war eine private Sauna. Was
eigenes. Wo ich rumstinken kann wie es mir beliebt. Und dann kam mir die Idee. Der Durchbruch. Was kann heißer Wasserdampf, was heißes Wasser nicht kann? Ein heißes Bad. Kein normales Vollbad,
sondern ein wirklich, wirklich, wirklich heißes Bad. Gesagt, getan.
Ich ging in den Keller und regelte das Thermostat... auf Anschlag. Anschließend drehte ich den Hahn auf. Nur den mit der roten Markierung. Hot. Wasser lief in die Wanne. Zumindest soweit es nicht
verdampfte bevor es den Wannenboden erreichte. Ich ging noch mal in die Wohnstube, rauchte eine Zigarette und trank einen halben Liter kaltes Wasser um den kommenden Entschlackungsvorgang zu
beschleunigen. Dann ging es los. Schon beim Griff übers Wasser, zum Zudrehen des Hahns, schrumpelte die Haut meine Finger.... Abrupt.
Ich entpellte mich aus den Sachen und streckte den großen Zeh meinen rechten Fußes zur langsamen Gewöhnung ins Wasser. Erst nur kurz, dann immer länger und schließlich badete mein ganzer Fuß im
Wasser. Ich tastete mich beständig weiter und schließlich, nach ca. 36,5 Minuten, saß ich in der Badewanne. Stück für Stück, Millimeter für Millimeter, brachte ich mich in eine liegende
Position.
Meine Haut färbte sich in ein sattes Rot und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Erst nur kleine Tropfen und schließlich wilde Bäche, ergossen sich aus meinen Poren. Ich schwitzte.
Perfekt.
Sicherheitshalber leckte ich mit meiner Zunge die linke Schulter, um den Salzgehalt zu prüfen. Ganz klar Schweiß.
Aber... wie sieht es unter dem Wasserspiegel aus? Würde auch dort der überschüssige Saft meinen Körper verlassen? Sehen konnte man es ja nicht, fühlen auch nicht. Ich war unsicher. Schließlich
steigerte sich diese Unsicherheit und ich beschloss mich hinzustellen, um auch die Poren, die bis dahin unter Wasser ruhten, auszuspähen. Ich stützte mich auf der Wanne ab und hob meinen Körper. Es
machte "chhlup" und über meine Lippen kam ein kräftiges "Au".
Es war mein... Hinterteil. Im Badewannenboden klebten Segmente der äußeren Hautschicht, die ehemals mir gehörten. Als der erste Schock überwunden war, richtete ich mich auf. Ich schaute auf die
3-lagigen Hautschichten im Wannenboden. Die Diät war ein voller Erfolg. Ich hatte mit einem Schlag und Dauerhaft circa 500 Gramm Gewicht verloren.
Nun könnte man denken, dass diese Geschichte hier zu Ende ist. Zugegeben ein sehr schönes Ende. Aber es war für den Autor dank einer durchzechten Nacht so nicht tragbar. Falls Sie allerdings
dieses Ende gut fanden können Sie gern das Weiterlesen unterlassen. Der Autor geriet in besagter Nacht in einen Wahn und die Geschichte ging weiter:
Nun stand ich also in der Badewanne und feierte die Ergebnisse meiner Diät. Man kann sich vorstellen, dass so ein nackter, nasser und dampfender Körper eine gewisse Ästhetik ausstrahlt. Bei mir wird
diese sichtliche vorhandene Ästhetik leider noch durch eine verschwenderisch, übertriebene Körperfläche überschattet.
Und genau diese Körperfläche sorgte jetzt zusammen mit der aufgewühlten Wasseroberfläche für eine enorme Dampfentwicklung. In Kopfhöhe entstanden vereinzelte Kumulus-Wolken die sich mit der Zeit zu
ausgeprägten Stratokumulus-Wolken entwickelten.
Ich sah die Hand vor Augen nicht. Ich stieg aus der Badewanne und tastete mich langsam Richtung Fenster. Ich schlängelte mich mit einer geschickten 3-Schritt-Schikanen-Kombination an der Kloschüssel
vorbei und öffnete es. Kalte Luft strömte herein. Es war erfrischend. Ich fühlte mich befreit. Sehr angenehm. Leider hatte ich, nachdem ich die klassische Leonardo Di Caprio-Titanic-Stellung
eingenommen habe, unbemerkt eine gewaltige Kettenreaktion ausgelöst.
Kalt- und Warmwetterfronten prallten mit voller Wucht aneinander. In meinem Badezimmer. Dann zuckte ich zusammen. Ein gewaltiges Donnern erschütterte die Luft. Ein Blitz schlug in meine
Shampoo-Flasche ein.
Es war Volumen-Plus-Shampoo mit Magnesium und Wasserlilie für feines uns plattes Haar. Bisher machte es mein haar nachweislich 30% kräftiger, jetzt floss die zähe Flüssigkeit zusammen mit den
flüssigen Resten der Plastikflasche in meine Badewanne.
Ein Vorgang der das empfindliche Ökosystem meiner Badewanne sichtlich schwer belastete. Man konnte zusehen wie der natürliche Wasserstrom zum erliegen kam. Als Folge schmolzen die Schaumkappen und
der Wasserspiegel stieg.
Über mir kam es wieder zu heftigen Entladungen. Gebückt rannte ich zur Tür und schaute mir aus sicherer Entfernung das Inferno an.
Ein Twister entstand. Meine Zahnbürste und mehrere Wattestäbchen, die sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnten, wurden durch das Waschbecken gewirbelt. Ich konnte schlecht abschätzen
wie lange das Anti-Transpirationsspray den Gewalten noch trotzen konnte. Es schwankte bedenklich.
Vor meinen Augen spielte sich ein unglaubliches Phänomen ab und dann wurde es mir schlagartig klar. Ich war schuld! Er war es persönlich... BEI MIR IM BADEZIMMER!! ES WAR DER
KLIMAWANDEL...
Jörg Schwedler
